Gadji Beri #2016

Deutschlandfunk / NDR / SWR / WDR / 2016 / 52 Min

DADA-Radio-Oper / ARD Hörspiel des Monats Februar 2016

Begründung der Jury

Der Titel der Dada-Radio-Oper von wittmann/zeitblom ist Programm: „Gadji Beri“, das berühmte Lautgedicht von Hugo Ball, verbunden mit dem Signum für Online-Zeitgenossenschaft, dem Hashtag, und der Jahreszahl 2016. 100 Jahre Dada werden in diesem Hörstück nicht museal gefeiert, sondern das Prinzip Dada wird übertragen auf die medialen und mentalen Gegebenheiten von heute. wittmann/zeitblom haben die Tonarchive durchstöbert und ihre Funde mit allerlei zeitgeistigem Blabla aus Politik und Werbung und Subversions- und Rebellionsansätzen von heute collagiert: eine klangsinnliche und erkenntnisfördernde Hirndurchlüftung! Bemerkenswert ist die Integration von musikalischen und textlichen Elementen. Mal wird der Text zur Musik und der suggestive klangliche Rhythmus zu Text. Auf immer neue Weise tritt der Wortinhalt aus der Musik hervor, stets überraschend und frisch. Die Autoren verstehen es, das Interesse des Hörers durch überbordende klangliche Einfälle wach zu halten. Das lässt sich ohne Übertreibung als bestes Handwerk und große künstlerische Leistung beschreiben. Dada lebt.

 

Mit Dirk von Lowtzow

und Jule Böwe, Alice Dwyer, Christiane Gut, Trystan Pütter, Christian Wittmann

Musik Cobra Killer (voc), Jochen Arbeit (git), Achim Färber (dr) zeitblom (b; electronics)

Ton und Technik Ingo Krauss

Redaktion Sabine Küchler

Realisation wittmann/zeitblom

Aufnahmen und Mischung @ candybomberstudios Berlin

 

Interview

Wir schreiben das Jahr des DADA. wittmann/zeitblom (w/z) treffen wittmann/zeitblom (w/z) im DADA-Eck-Cafe in Berlin.

w/z: Hallo, wittmann/zeitblom. 100 Jahre nach DADA eine DADA-Radio-Oper? Warum?

w/z: Hallo! – “Unser Versuch, das Publikum mit künstlerischen Dingen zu unterhalten, drängt uns in ebenso anregender wie instruktiver Weise zum ununterbrochen Lebendigen, Neuen, Naiven. Es ist mit den Erwartungen des Publikums ein Wettlauf, der alle Kräfte der Erfindung und der Debatte in Anspruch nimmt”, sagte Hugo Ball vor 100 Jahren anlässlich des legendären Eröffnungsabend des Cabaret Voltaire in Zürich. Mit der Radio-Oper “Gadji Beri # 2016” konfrontieren wir die heutige Lebenswirklichkeit mit DADA, weil der aktuelle Irrsinn mit Methode dringend dazu Anlass gibt, diesem mit künstlerischen Mitteln auf die Schliche zu kommen. Und weil DADA Geburtstag hat.

w/z: Von welchem Irrsinn sprechen Sie?

w/z: Jonathan Meese sagt: Das Arbeitslager der Weltdiktatur der Demokratie sei so riesig geworden, dass wir es nicht mehr als Arbeitslager wahrnehmen. Von dieser Art Irrsinn, dem alltäglichen, dem wir, abgestumpft, anheim gefallen sind.

w/z: Das klingt extrem …

w/z: Vielleicht ist das etwas zugespitzt formuliert, aber die Akzeptanz der Bürger dem System gegenüber ist nachweisbar hoch, auch wenn die Wahlbeteiligung sinkt. Der Homo oeconomicus ist im Zuge seiner Effizienzsucht sukzessive in einen Anything-goes-noch-besser-und-flacher-Modus eingestiegen und ist dabei, die Mitte, wie auch jede kleinste Nische der Gesellschaft, mit dieser schalen Mehrheitensuppe anzufüllen.

w/z: Was meinen Sie konkret?

w/z: “Alternativlose” Produktionsprozesse, konsumistische Freizeitzwänge, leere Signifikanten in Politik, Werbung und Kriegsrethorik. In der alltäglichen Geräuschkulisse der heutigen Welt findet sich das Material für diese Radio-Oper.

w/z: Und das ist DADA?

w/z: Dada ist für uns vor allem Rebellion gegen den Sinn. Zwei Beispiele: Was für einen Sinn hat eine Demokratie, in der das Hauptziel zu sein scheint, dass 5 Prozent der Bevölkerung über 50 Prozent des gesamten Vermögens eines der reichsten Länder der Welt verfügen. Tendenz steigend! Um Gewinne zu erzielen, werden Waffen an Krisenländer geliefert, dafür kommen Flüchtlingsströme in der Gegenbewegung von dort zu uns zurück. Das läuft immer mehr auf eine Diktatur des Kapitals hinaus, die den ganzen Laden in eine lobbygesteuerte Effizienzmaschine verwandeln will. Demokratie als Diktatur. Ein paradoxer Zustand. Wo ist da noch der Sinn? So gesehen ist alles, was uns umgibt, gegen den Sinn. Also DADA.

w/z: Aber sind Sie als Kulturschaffende mit öffentlich-rechtlichem Auftrag nicht Teil des Systems?

w/z: Natürlich. Wir sind Oberdada. Hochdada, Salondada, wenn Sie so wollen, wir können uns eingraben lassen, oder wir versuchen Mal, noch etwas in Erinnerung zu rufen, etwas, das den Menschen auch ausmachen könnte. Nicht alles muss Sinn produzieren. In der “Unterhaltung mit künstlerischen Dingen” ist der Mensch ein spielender Mensch. Er sammelt DADA auf der Straße, er pflückt es in Häusern und Wohnungen, steckt DADA in den Mixer und was kommt heraus? DADA-Salat. Und damit haben wir uns beschäftigt. In engmaschigen Audio-Collagen spannen wir einen Bogen von Hugo Balls Lautgedichten zu digitaler Kombinatorik, von Rimbaud und Jarry zur Hauntologyströmung, von Schriften Jonathan Meeses und John Bocks zu DADA-Salat. Von Emmy Hennings Chansons zu a 21st century amalgam of minimalist Krautrock, dubwise, beat-drenched electronica, and basement-deep, low-frequency future funk and chicago footstep vocal-loops.

w/z: Lieber wittmann/zeitblom, wir danken Ihnen für das Gespräch, wir freuen uns schon auf das Ergebnis.

w/z: Danke. Gerne. Einen schönen Tag noch.

 

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